JUDEN IN DER PHILOSOPHIE - ein Projekt 2004 
von
Dana Drucker / Wolfgang Weimer
„Da nun der Jude […] niemals im Besitze einer eigenen Kultur war, sind die Grundlagen seines geistigen Arbeitens immer von anderen gegeben worden.“
(Adolf Hitler, Mein Kampf, S. 330)
Diesem Vorurteil sind wir nachgegangen, indem wir überprüft haben, welchen Beitrag Menschen jüdischen Glaubens bzw. jüdischer Abstammung zur Geschichte der Philosophie geleistet haben. Man kann sich aus dem Ergebnis ein Bild machen, wie vielfältig und originell der Beitrag jüdischer Menschen an diesem Teil unserer geistigen Tradition war.
I.
Philosophen jüdischen Glaubens
1. Bachja Ibn Paluda, geb. 1040, gest. 1110; Spanier
Verfasser u.a. einer volkstümlichen religionsphilosophischen Schrift („Chowot ha-Lewawot“)
2. Juda Halevi (Rabbi Jehuda Halevi), geb. ca. 1080 in Toledo, gest. 1145 auf einer Reise
Dichter und Verfasser eines auf arabisch geschriebenen religionsphilosophischen Dialogs (“Kusari”), enthaltend eine Darstellung des Judentums durch einen Gelehrten im Gespräch mit einem König
3. Abraham Ibn Esra, geb. 1092, gest. 1167; lebte in Spanien und Italien
Kommentator des Pentateuch; Grammatiker, Philosoph, Astrologe weltlicher und religiöser Dichter
4. Moses Maimonides (Rabbi Mose ben Maimon), geb. 30.3.1135 in Córdoba, gest. 13.12.1204 in Fostat bei Kairo (Grab in Tiberias)
Jüdischer Religionsphilosoph, Arzt, Rechtsgelehrter und jüdischer Gelehrter des Mittelalters ; er wurde von seinem Vater in der jüdischen Lehre unterwiesen; brachte die bis dahin unübersichtliche Talmud-Überlieferung in ein klares begriffliches System.
5. Moses Mendelssohn (Moses ben Mendel Heymann), geb. 6.9.1729 in Dessau, gest. 4.1.1786 in Berlin
Jüdischer Philosoph, Humanist, Schriftsteller der Aufklärung, Freund des berühmten (nichtjüdischen, aber judenfreundlichen) Philosophen Immanuel Kant, Wegbereiter der Emanzipation der Juden; er versuchte die jüdische Religion mit Begriffen der Philosophie zu interpretieren.
6. Salomon Maimon, geb. 1753 in Nieszewicz (Litauen), gest. 22.11.1800 in Nieder-Siegersdorf (Schlesien)
Schüler von Moses Mendelssohn, setzte sich mit der Philosophie Immanuel Kants auseinander und beeinflußte Hermann Cohens späteren Neukantianismus.
7. Hermann Cohen, geb. 4.7.1842 in Coswig (Anhalt), gest. 4.4.1918 in Berlin
Begründer und Haupt der sog. Marburger Schule des Neukantianismus, Forschungen in Erkenntnistheorie und Mathematik; er bemühte sich, das Judentum als die Religion der Vernunft zu erweisen.
8. Martin Buber, geb. 8.2.1878 in Wien, gest. 13.6.1965 in Jerusalem
Jüdischer Religionsphilosoph und Schriftsteller, Professor für Soziologie in Jerusalem, übersetzte (mit Franz Rosenzweig) die Hl. Schrift der Juden ins Deutsche, betrieb Forschungen zum jüdischen Chassidismus (mystische Richtung des Judentums) und zur Mystik überhaupt (Herausgeber der Schriften Dschuang Dsis). Er trat für die jüdisch-arabische Verständigung ein und erhielt 1953 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
9. Franz Rosenzweig, geb. 25.12.1886 in Kassel, gest. 10.12.1929 in Frankfurt/Main
Einer der bedeutendsten Denker des modernen Judentums, der in ungewöhnlicher Weise abendländische Philosophie mit biblisch-jüdischem Denken vereinte, übersetzte (mit Martin Buber) die Hl. Schrift der Juden ins Deutsche.
10. Leo Baeck, geb. 23.5.1873 in Lissa (Polen), gest. 2.11.1956 in London, amtierte als Rabbiner u.a. in Düsseldorf (1907)
Jüdischer Theologe, führende Persönlichkeit des deutschen Judentums, Vermittler zwischen jüdischem Glauben und deutscher Kultur.
11. Hugo Samuel (Shmuel) Bergmann, geb. 25.12.1883 in Prag, gest. 18.6.1975 in Jerusalem
Philosoph und Bibliothekar, Anhänger des Idealismus und Zionismus, übersetzte die Werke Immanuel Kants ins Hebräische; er stand Franz Rosenzweig nahe.
12. Jeshajahu Leibowitz, geb. 28.1.1903 in Riga (Lettland), gest. 18.8.1994 in Jerusalem
Professor für Biochemie und Neurobiologie, der sich nach seiner Emeritierung der Philosophie zugewendet hat, besonders dem Verhältnis von Geist und Gehirn; kämpfte in Israel gegen die Politik der Verbindung von Staat und Religion.
13. Emmanuel Lévinas, geb. 30.12.1905 in Kaunas (Litauen), gest. 27.12.1995 in Paris
Schüler Husserls und Heideggers, zeitweise aktiv in der jüdischen Gemeinde Frankreichs; bemühte sich wie Hermann Cohen um eine „Religion der Vernunft“ aus den Quellen des Judentums, um die Welt „aus der Perspektive des Anderen“ zu verstehen.
14. Schalom Ben-Chorin (bis 1931: Fritz Rosenthal), geb. 20.7.1913 in München, gest. 7.5.1999 in Jerusalem
Stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie, wandte sich aber schon als Jugendlicher dem orthodoxen Judentum zu; Verfasser von theologischen Studien, Erzählungen, Gedichten und Feuilletons mit dem Ziel der Etablierung einer dritten Richtung des Judentums neben Orthodoxie und Liberalismus: dem Reformjudentum.
II.
Philosophen jüdischer Abstammung
1. Benedictus de Spinoza (Baruch Bento Despiñoza), geb. 24.11.1632 in Amsterdam, gest. 21.2.1677 in Haag
Begründer des neuzeitlichen Pantheismus, d.h. der Auffassung, daß alles (die ganze Welt) Gott sei, was Spinoza auf mathematisch-rationale Weise demonstrieren wollte; er wurde 1656 wegen „schrecklicher Irrlehren“ aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen.
2. Heinrich Heine, geb. 13.12.1797 in Düsseldorf, gest. 17.2.1856 in Paris
Berühmter Schriftsteller (Spätromantik), der aber auch philosophische Werke („Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“) verfaßt hat.
3. Karl Marx, geb. 5.5.1818 in Trier, gest. 19.3.1883 in London
Studium der Philosophie an der Universität Berlin, Schüler Georg Wilhelm Friedrich Hegels; er begründete den modernen Kommunismus bzw. Marxismus (philosophische, ökonomische, historische und politische Theorie); lebte als Redakteur im Rheinland, danach im Exil in London als Schriftsteller, war Politiker und Privatgelehrter und ein scharfer Kritiker jeder Religion („Religion ist Opium des Volkes“).
4. Fritz Mauthner, geb. 22.11.1849 in Horschitz (Böhmen), gest. 28.6.1923 in Meersburg (Bodensee)
Bedeutender Sprachphilosoph mit Neigung zum Buddhismus, Verfasser eines Wörterbuchs der Philosophie und einer Geschichte des Atheismus.
5. Theodor Lessing, geb. 8.2.1872 in Hannover, gest. 30.8.1933 in Marienbad/CSR (von Nazi-Agenten ermordet)
Schriftsteller und Philosoph; er stand dem Sozialismus nahe und vertrat einen geschichtsphilosophischen Pessimismus, setzte sich für die Gleichstellung der Frauen und die friedliche Verständigung der Völker ein; er entwickelte die Hypothese vom „jüdischen Selbsthaß“, d.h. die Auffassung, daß es bei (einigen) Juden zur Übernahme rassistischer Klischees gekommen sei (zu zeigen an Otto Weininger und Ludwig Wittgenstein).
6. Otto Weininger, geb. 3.4.1880 in Wien, gest. 4.10.1903 in Wien (Suizid)
Kulturphilosoph von zeitweilig ungeheurem Einfluß, u.a. auf Ludwig Wittgenstein (Hauptwerk: „Geschlecht und Charakter“), der sich wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner Homosexualität bis zur Selbstzerstörung haßte.
7. Ludwig Wittgenstein, geb. 26.4.1889 in Wien, gest. 29.4.1951 in Cambridge/GB
Er stammte aus einer ungeheuer reichen, getauften österreichischen Industriellenfamilie und wurde zum wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts (bei großer Begabung auf zahlreichen anderen Gebieten: Architektur, Ingenieurswesen, Mathematik, Musik); beeinflußt durch Otto Weininger und Arthur Schopenhauer; er war einer der Begründer der modernen Sprachphilosophie mit weitreichenden Konsequenzen für andere Bereiche der Philosophie; wegen seiner jüdischen Abstammung und wohl auch seiner Homosexualität hielt er sich zumindest zeitweilig für nicht fähig zu echter Kreativität und neigte zu Selbstmordgedanken.
8. Edmund Husserl, geb. 8.4.1859 in Prossnitz (Mähren), gest. 27.4.1938 in Freiburg/Br.
Logiker und Philosoph, Begründer der Phänomenologie, einer methodisch eigenständigen Richtung der modernen Philosophie; er war Lehrer des berühmten Philosophen Martin Heidegger.
9. Leo Strauss, geb. 20.9.1899 in Kirchhain (Hessen), gest. 18.10.1973 in Annapolis (Maryland, USA)
Berühmter Professor der Philosophiegeschichte (arbeitete über Spinoza) und Philosoph (zum Thema Naturrecht); Kommentator klassischer Texte, stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie, konvertierte aber schon mit 17 Jahren zum Zionismus.
10. Karl Raimund Popper, geb. 28.7.1902 in Wien, gest. 17.9.1994 in der Nähe von London
Bedeutender Theoretiker des wissenschaftlichen Rationalismus; er entwarf eine Methodenlehre, der bis heute viele Naturwissenschaftler anhängen. Daneben war er ein Vertreter des politischen Liberalismus.
11. Karl Löwith, geb. 9.1.1897 in München, gest. 24.5.1973 in Heidelberg
Er war Schüler von Martin Heidegger und Philosophieprofessor in Heidelberg; während der nationalsozialistischen Zeit lebte er in Japan im Exil. Er kritisierte das historische Denken der jüdisch-christlichen Tradition und bemühte sich um eine Wiederaufnahme eines an der Naturordnung orientierten Denkens, wie er es im antiken Griechenland realisiert sah.
12. Hans Jonas, geb. 10.5.1903 in Mönchengladbach, gest. 5.2.1993 in New York
Ökologischer Philosoph aus jüdisch-liberalem Elternhaus, Zionist und zugleich Anhänger der Brit Shalom-Bewegung, die sich für eine friedliche Koexistenz mit der arabischen Bevölkerung in Palästina einsetzte, Mitglied der Selbstverteidigungsmiliz Haganah und Mitglied einer Jüdischen Brigade der Britischen Armee, die an der Besetzung Deutschlands beteiligt war; versuchte, im Begriff der „Schöpfung“ ökologisches Denken und Judentum zu vereinen.
13. Hannah Arendt, geb. 14.10.1906 in Hannover, gest. 4.12.1975 in New York
Von Hause aus religionslos, identifizierte sie sich erst durch die nationalsozialistische Verfolgung mit ihrem Judentum. Sie war Schülerin von Martin Heidegger und zeitweilig seine Geliebte[1]. Professorin für Politikwissenschaft (berühmt für ihren Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus: Totalitarismus-Theorie), verfaßte aber auch philosophische Bücher sowie eine Auseinandersetzung mit dem Prozeß gegen den Judenverfolger Adolf Eichmann in Jerusalem.
14. Theodor W. (Wiesengrund) Adorno, geb. 11.9.1903 in Frankfurt/Main, gest. 6.8.1969 in Wallis (Schweiz)
Er war ein vielseitig begabter Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist (Schüler von Arnold Schönberg, ebenfalls jüdischer Abstammung); zusammen mit Max Horkheimer Begründer der „Kritischen Theorie / Frankfurter Schule“ und Neomarxist; von großem Einfluß auf die Studentenbewegung der 68er.
15. Max Horkheimer, geb. 14.2.1895 in Stuttgart, gest. 7.7.1973 in Nürnberg
Er studierte Psychologie und Philosophie und war Professor für Sozialphilosophie, zusammen mit seinem Freund Theodor W. Adorno Begründer der „Kritischen Theorie / Frankfurter Schule“, im Exil Direktor des American Jewish Committee und Leiter eines umfangreichen Forschungsprojektes zum Antisemitismus; ursprünglich Neomarxist, neigte er im Alter mehr der pessimistischen Philosophie Arthur Schopenhauers zu.
16. Herbert Marcuse, geb. 19.7.1895 in Berlin, gest. 29.7.1979 in Starnberg
Seit 1954 Professor in den USA, begründete er mit Adorno und Horkheimer die „Kritische Theorie“ und verband als Neomarxist die Lehren von Karl Marx und Sigmund Freud (ebenfalls jüdischer Abstammung); von sehr großem Einfluß auf die Studentenbewegung der 68er in den USA und in Deutschland.
17. Jean-François Lyotard, geb. 10.8.1924 in Versailles, gest. 21.4.1998 in Paris
Zunächst geprägt durch die Phänomenologie Husserls, wandte er sich dann einem undogmatischen Marxismus und Freuds Psychoanalyse zu; später wurde er einer der bekanntesten Philosophen der sog. Postmoderne, wobei er auf seiner Suche nach den Spuren des Absoluten in der Welt in eher unauffälliger, aber doch erkennbarer Weise jüdische Motive aufnahm.
18. Jacques Derrida, geb. 15.7.1930 in El Biar (Algerien)
Obwohl Kind jüdischer Eltern, bleibt die jüdische Kultur für ihn lebenslang „ein alles bestimmender blinder Fleck”, auf eine distanzierte Weise mit ihr verbunden; entwickelt die Methode der Dekonstruktion als eines Konzeptes „nichtidentischer Subjektivität“; das darin bestimmende Vorgehen einer Identifizierung durch Unterscheidung wird an seinem Verhältnis zum Judentum geradezu beispielhaft deutlich.
19. Noam Avram Chomsky, geb. 7.12.1928 in Philadelphia (USA)
Sehr bedeutender moderner Sprachphilosoph (Begründer der generativen Transformationsgrammatik) und linksliberaler Kritiker der US-Politik.
20. Michael Walzer, geb. 1935 in den USA
Sozialphilosoph und Professor für Politikwissenschaft (Spezialgebiet: Kriegsforschung); wie Chomsky ein Kritiker der US-Politik.
Literatur/Hinweis zu weiterer Lektüre:
- John F. Oppenheimer et al. (Hrsg.): Lexikon des Judentums. Gütersloh/Berlin/München/Wien 1971
- Andreas B. Kilcher/Ottfried Fraisse (Hrsg.): Lexikon jüdischer Philosophen. Stuttgart 2003
Wir haben uns nicht immer von der bei Kilcher & Fraisse vertretenen Grenzziehung gegenüber nichtjüdischen Philosophen und Nichtphilosophen bestimmen lassen, sondern z.B. Ludwig Wittgenstein in unsere Liste aufgenommen (obwohl bereits seine Eltern getauft waren), Michael Walzer als Philosoph angesehen usw.
[1] Wir erwähnen das wegen der seltsamen Rolle Martin Heideggers, der einen jüdischen Lehrer (Husserl), einen jüdischen Meisterschüler (Löwith) und eine jüdische Geliebte (Arendt) hatte, gleichwohl aber Mitglied der NSDAP war.
