In Partnerschaft mit Amazon.de

Max Planck

Die Geschichte des 1945 hingerichteten Erwin Planck

aus : Süddeutsche Zeitung vom 11.5.2006

Historische Forschung hat stets auch einen seismografischen Charakter. So kündigte sich die aktuelle Debatte tun die Sehnsucht der Deutschen nach einer „neuen Bürgerlichkeit" in einer Flut von Veröffentlichungen an: „Deutsche Familien", „Die Krupps", „Die Mommsens" oder auch „Die Dohnanyis".

Das Buch, das Astrid von Pufendorf über „Die Plancks" vorlegt, kann die Diskussion bereichern. Es ist eine differenzierte und mitreißende Darstellung einer bildungsbürgerlichen Familie, die eine tragende Rolle im geistigen Vor-Hitler-Deutschland spielte. Wie an wenig anderen Familien lassen sich an den Plancks exemplarisch Stärke und Schwäche des Bürgertums in einer Zeit dramatischer Umbrüche zeigen.

Erstmals wurde hier der Nachlass Erwin Plancks ausgewertet, des Sohns des Physik-Nobelpreisträgers Max Planck. Dementsprechend steht der Politiker und Mitwirkende des 20. Juli 1944 im Mittelpunkt dieses Familienporträts.

Briefe und Tagebucheintragungen, die die Autorin in langen Passagen für sich sprechen lässt, geben einen tiefen Einblick in das Milieu, in das Erwin in Berlin am 12. März 1893 als viertes Kind seiner Eltern hineingeboren wurde: Musizieren, humanistische Bildung, ungebrochener Optimismus angesichts des unaufhaltsam erscheinenden Fortschritts der Naturwissenschaften, tief verwurzelte (kultur-)protestantische Überzeugungen und nicht zuletzt die Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, banden den großen Verwandten- und Freundeskreis, zu dem auch viele Juden gehörten, und prägten den Heranwachsenden.

Das Verhältnis von Vater und Sohn Planck war ungewöhnlich liebevoll, doch gleichwohl nie einengend: „Ich möchte Dich in keiner Weise nach irgendeiner Richtung hin beeinflussen", heißt es in einem für Max Planck typischen Brief an seinen Sohn, als dieser vor der Berufsentscheidung stand, „da Du doch nur in einem solchen Beruf Befriedigung finden kannst, den Du mit vollkommener eigener Freiheit und eigenem Verantwortlichkeitsgefühl gewählt hast."

Erwin entschied sich zunächst für die militärische Laufbahn. Als Offizier zog er - wie so viele mit großer Begeisterung - in den Ersten Weltkrieg, geriet bald in französische Kriegsgefangenschaft und erlebte das Kriegsende im Generalhauptquartier. Hier begegnete er Kurt von Schleicher, der ihn ins Reichswehrministerium holte und als Verbindungsmann in die Reichskanzlei schickte. Planck machte nun im engen Verbund mit Schleicher eine Karriere als politischer Beamter 1930 wurde er Referent Brünings, 1932 Staatssekretär in der Reichskanzlei unter Papen und später unter Schleicher.

Das Urteil der Autorin über die Rolle Plancks am Ende der Weimarer Republik ist klar: Er wirkte an der Aushöhlung der demokratischen Strukturen mit, verfolgte aber stets das Ziel, die Nazis von der Macht fern zu halten. Dass er im Zusammenspiel mit seinem Mentor Schleicher naiv und letztlich unpolitisch, agierte - die wohl größte Schwäche des deutschen Bürgertums -, zeigt die Schilderung der Abläufe nur zu deutlich.

Erwin Planck wollte vor allem eines: seinem Land dienen. Deshalb quittierte er nach der „Machtergreifung" den Staatsdienst und verweigerte sich dem neuen Regime, weil es in seinen Augen Deutschland verriet. Das galt umso mehr nach der Ermordung Schleichers durch die SS am 30. Juni 1934.

Planck leistete, anders als der Untertitel des Buches suggeriert, Widerstand aus Patriotismus. Gemeinsam mit Hassell, Popitz und Beck arbeitete er an Plänen zur Neuordnung Deutschlands, führte Sondierungsgespräche im westlichen Ausland und gehörte zu den zivilen Verschwörern, die versuchten, die Militärs endlich zum Handeln gegen Hitler zu bewegen. Erwin Planck wurde nach dem Stauffenberg-Attentat verhaftet. Nach Verhören und Folterungen verurteilte der Volksgerichtshof ihn zum Tode.

Die Gnadengesuche des 87-jährigen Max Planck gehören zu den bewegende Dokumenten des bürgerlichen Widerstands.   In  einem Brief  an Himmler schreibt er: „Mein Sohn Erwin verkörpert an Charakter und Gaben alles, was unsere Familie in Generationen geworden ist." Und von Hitler erbittet er das Leben seines Sohnes „als Dank des deutschen Volkes für meine Lebensarbeit, die ein unvergänglicher geistiger Besitz Deutschlands geworden ist".

Am 23. Januar 1945 wurde Erwin Planck hingerichtet. Sein Vater starb zweieinhalb Jahre später.

TOBIAS KORENKE