Max Planck im Dritten Reich
(aus der Festschrift zum 75jährigen Bestehen des Prinz-Georg-Gymnasiums/Max-Planck-Gymnasiums)
Vorbemerkung: 1947 wurde das 1906 gegründete Prinz-Georg-Gymnasium in Max-Planck-Gymnasium umbenannt. Planck hatte wenige Tage vor seinem Tode (4. Oktober 1947) dieser Ehrung zugestimmt. 1997 jährt sich der Todestag des großen Physikers zum 50. Male.
Als zu Anfang 1943 sein Haus nach Fliegerangriffen unbewohnbar geworden war, hatte Max Planck Berlin verlassen und auf dem Gut eines befreundeten Industriellen in der Nähe von Magdeburg Unterkunft gefunden. Ein Jahr darauf war der Berliner Besitz mit Bibliothek und allen wissenschaftlichen Papieren und persönlichen Unterlagen zugrunde gegangen.
Wieder ein Jahr später, am 23.1.1945, war Plancks Sohn Erwin, der „nächste und beste Freund" des Vaters, als Mitwisser der Verschwörung vom 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt, hingerichtet worden. Während der letzten Kampfhandlungen des Krieges hatte der mittlerweile 87-jährige Planck sein Asyl verlassen müssen, hatte in Scheunen genächtigt und tagsüber in Wäldern Schutz gesucht und schließlich, schwerkrank und seiner gesamten Habe beraubt, mit seiner Frau in der winzigen Wohnung einer Landarbeiterfamilie Obdach erhalten. Hier spürten ihn deutsche und amerikanische Freunde auf, denen es bald nach der Kapitulation gelang, das Ehepaar Planck zu Göttinger Verwandten zu bringen, wo sich Planck langsam erholte.
Mitten in den Aktivitäten um Rettung und Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (als Max-Planck-Gesellschaft am 11.9.1946 neugegründet) erreichte den alten Gelehrten im Sommer 1946 eine Einladung der Royal Society of London zur Feier von Isaac Newtons 300. Geburtstag. Der Zeremonienmeister begrüßte ihn, den einzigen deutschen Gast, bei der Vorstellung der Teilnehmer als "Professor Planck, delegate of no country" - sinnfälliger Hinweis auf einen politischen Untergang, der den Patrioten Planck vielleicht ebenso schmerzlich getroffen hat wie die private Katastrophe, in die ihn NS-Regime und Krieg hineingetrieben hatten.
Bei Hitlers Machtantritt im Januar 1933 war Planck nahezu 75 Jahre alt, die Zeit seiner großen Forschungserfolge lag weit zurück, seine akademische Lehrtätigkeit hatte er schon 1926 aufgegeben. Er hatte sich aber keineswegs zur Ruhe gesetzt, sondern bekleidete weiterhin als einer der ständigen Sekretare der Preußischen Akademie der Wissenschaften und als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wissenschaftsorganisatorische Schlüsselpositionen. In beiden Fällen handelte es sich um Institutionen, die für ihre Arbeit ganz (Akademie) oder in beträchtlichem Umfang (KWG) auf die finanzielle Unterstützung durch das Deutsche Reich oder den preußischen Staat angewiesen waren und damit natürlich gegebenenfalls auch politischen Pressionen ausgesetzt sein konnten.
Planck, aufgewachsen in den Traditionen der Monarchie, deutscher Patriot preußischer Prägung, war überzeugt, dass die auf Objektivität zielende Wissenschaft über der "Politik" - verstanden als Parlaments- oder Parteienpolitik - stehen müsse und nicht mit ihr verquickt werden dürfe. Daraus ergab sich für ihn wie für die meisten führenden Physiker der Weimarer Zeit, dass der Wissenschaftler durchaus "unpolitisch" sein müsse. Politische Konstellationen, in denen das Beharren auf dieser Forderung fatale Folgen haben könnte, waren bei dem engen Politikbegriff, von dem er ausging, für Planck wohl nicht erkennbar, ihre Möglichkeit wurde vielleicht aber auch von ihm schlicht außer acht gelassen. Einstein, im Gegensatz zu Planck durch und durch politisch denkend, meinte denn auch von diesem einmal, er sei den öffentlichen Dingen gegenüber wie ein Kind, und fügte auf seine drastische Art hinzu, sein Freund Planck begreife Politik so wenig "wie eine Katze das Vaterunser".
1933 dachte Planck kurzzeitig daran, seine Ämter zur Verfügung zu stellen, unterließ dies aber aus dem Bewußtsein heraus, dass ihm aus seiner Tätigkeit für Akademie und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft eine hohe persönliche Verantwortung für die ungestörte und von "Tagespolitik" unberührte wissenschaftliche Arbeit der beiden Institute erwachsen sei, der er sich nicht entziehen könne. Er hat erst nach einiger Zeit gemerkt, dass ihm im NS-Regime ein totalitäres System gegenüberstand, für das ex definitione die . Trennung von Politik und Wissenschaft nicht existierte, weil es beide Bereiche für sich in Anspruch nahm, der Politik die zentrale, der Wissenschaft aber nur eine dienende Funktion zuerkannte.
Die Toleranz der Weimarer Republik, in der die Regierungen des Reichs und Preußens keine politischen Solidaritätserklärungen von Akademie und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verlangten und allenfalls von deren deutschen Mitgliedern eine nicht einmal streng definierte Staatstreue erwarteten, besaß keine Geltung mehr.
Die anfängliche Unterschätzung des Machtanspruchs, den das neue
Regime der Wissenschaft gegenüber erhob, die weitverbreitete und auch
von Planck geteilte Ansicht, dass die Hitler-Herrschaft nur kurzen Bestand
haben, auf jeden Fall aber ihren Radikalismus bald abstreifen werde, führte
Planck aber zu der Auffassung, dass man als Wissenschaftler „durchhalten
und weiterarbeiten" müsse, was einschloß, die wissenschaftliche
Autonomie gegen politische Übergriffe zu verteidigen, das internationale
Ansehen der deutschen Naturwissenschaft zu wahren, den von der NS-Verfolgung
betroffenen Kollegen mit Rat und - wenn möglich - mit Tat beizustehen,
zugleich freilich auch, sich "taktisch" anzupassen und mit denjenigen
Machtträgern Kompromisse zu schließen, von deren Zustimmung und
Wohlwollen die Fortdauer des Wissenschaftsbetriebs abhängig war. Emigration
als Alternative zum "Durchhalten" kam für Planck nie in Betracht.
Er versuchte im Gegenteil, Kollegen zum Bleiben zu bewegen, wenn sie sich
zur freiwilligen Emigration entschlossen hatten (Schrödinger) oder diese
erwogen (Heisenberg), bzw. ihnen ein Bleiben zu ermöglichen, wenn sie
sich als Juden zur Auswanderung gezwungen wussten (Haber, Franck).
Die Durchführung des berüchtigten Beamtengesetzes vom 7.4.1933 hatte bekanntlich schlimme Folgen, gerade im wissenschaftlichen Bereich. Die Physik gehörte zu den am stärksten betroffenen Fächern; sie musste einen Verlust von mindestens 25 % ihres akademischen Personals hinnehmen. Allein 11 ihrer (damaligen und späteren) Nobelpreisträger wurden zur Aufgabe ihrer Stellung - und das hieß fast immer: zur Auswanderung - gezwungen.
Hätten die Physiker mit Planck als ihrem Nestor an der Spitze 1933 öffentlich protestieren sollen? Otto Hahn regte einen solchen Protest an, der vorsichtige Planck widerriet mit dem Hinweis auf naheliegende Konsequenzen: "Wenn Sie heute 30 solcher Herren (für einen Protest) zusammenbringen, dann kommen morgen 150, die dagegen sprechen, weil sie die Stellen der anderen haben wollen." Die wissenschaftliche Physik wäre dann - so lässt sich Plancks Argument weiterführen - in die Hand der Nazis und ihrer Mitläufer, genauer gesagt: der fanatischen und einflussreichen Wortführer der sog. Arischen (oder Nordischen bzw. Deutschen) Physik und ihres Anhangs geraten. Aus heutiger Sicht scheint Plancks Haltung übergroße Besorgnis zu verraten.
Einer seiner Biographen meint: "Das Beispiel (eines öffentlichen Protests) hätte den Triumph der Nazis ... für einen Augenblick unterbrechen und im Kreis der Physiker als Signal wirken können." Allerdings hat sich auch ein so entschiedener NS-Gegner wie Plancks Kollege Max v. Laue den Satz "Lerne schweigen, ohne zu platzen!" in der Hitler-Zeit zu eigen gemacht, sich für gewöhnlich danach gerichtet und diese Haltung nach 1945 ausdrücklich verteidigt. Zudem war zu bedenken, dass die von Planck vertretene Theoretische Physik, für die er als Wortführer in Erscheinung treten konnte, kaum in der Lage gewesen wäre, einen öffentlichen Protest als politisches Druckmittel einzusetzen. Im Unterschied beispielsweise zur Chemie oder zur Experimentalphysik galt sie für die allermeisten als wirklichkeitsfern; die ihr zugeordnete Atomphysik war damals - also vor der Entdeckung der Kernspaltung - selbst für manche Kollegen vom Fach ein Gebiet, das "mehr mit Mystik oder mit Philosophie zu tun hatte als mit praktischen Dingen" (A. Hermann).
Der NS-Führung, insbesondere Hitler selbst, fehlte jedes Verständnis für theoretische Naturwissenschaft bzw. Grundlagenforschung, und die Schmähschriften aus den Reihen der Arischen Physik (,Weiße Juden in der Physik", "Planck und die sogenannte theoretische Physik" u.a.) setzten systematisch die Bedeutung der Theoretischen Physik herab, indem sie sie vor der Öffentlichkeit als "jüdisch" diffamierten.
Planck hat seinen Widerspruch zum herrschenden System dennoch bei vielen Gelegenheiten vernehmlich geäußert. Über seine Bereitschaft zu einem solchen Widerspruch sagte er zu v. Laue: "Meine Maxime ist immer, jeden Schritt vorher zu überlegen, dann aber, wenn man ihn verantworten zu können glaubt, sich nichts gefallen zu lassen." Diese Maxime macht manche Zwiespältigkeit in den Äußerungen des Physikers verständlicher.
So hat er sich in Wort und Schrift nach 1933 ohne Einschränkung immer wieder für die Relativitätstheorie eingesetzt und damit für jeden nur halbwegs Kundigen die Gestalt ihres Schöpfers, Albert Einstein, heraufbeschworen, diesen gelegentlich namentlich erwähnt, durchaus auch vor Auditorien, deren NS-Nähe ihm bekannt sein musste (z.B. vor Angehörigen des Außenministeriums). Meistens aber hielt er es für klüger, Einsteins Namen in diesem Zusammenhang nicht zu nennen, vermutlich, weil er darin eine unnötige Provokation des Regimes sah, das Einstein als einen seiner einflussreichsten Feinde betrachtete und alles daran setzte, ihn totzuschweigen.
Plancks Scheu, den Namen seines jüdischen Freundes zu erwähnen, mag von der persönlichen Sorge um die philosophisch-naturwissenschaftliche Mission mitbestimmt gewesen sein, die er damals in seinen Vorträgen zu erfüllen trachtete und die durch ein Rede- oder Veröffentlichungsverbot ein schnelles Ende hätte finden können. Weit mehr aber lässt sie sich aus dem in den 30er Jahren bei ihm zu voller Stärke entwickelten Gefühl erklären, Verantwortung für den akut gefährdeten Fortbestand Theoretischer Physik in Deutschland tragen zu müssen und deshalb die Regierenden nicht zu Übergriffen gegen "seine" Wissenschaft provozieren zu dürfen.
Seine Vorsicht ist Max Planck damals und später verdacht worden, zumal von Seiten mancher emigrierter Kollegen; aber sein behutsames Taktieren trug in der Tat dazu bei, den Institutionen, in denen er engagiert war, zumindest noch einige Jahre gewisse Freiheiten zu sichern, z.B. im Rahmen einer den NS-Plänen zuwiderlaufenden Personalpolitik, die es jüdischen Wissenschaftlern in manchen Fällen bis etwa 1938 erlaubte, ihre Mitgliedschaft in Preußischer Akademie oder Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aufrechtzuerhalten, und bei Neuwahlen bzw. Zuwahlen nur einer Minderheit von NS-Sympathisanten den Zugang zur Mitgliedschaft gestattete (1937 bzw. 1938 schied Planck aus seinen Ämtern aus). Unter totalitären Bedingungen hätte Planck die Position des "unpolitischen" Wissenschaftlers nur um den Preis des Stillschweigens und des vollständigen Rückzugs aus der Öffentlichkeit wahren können.
Zum Schweigen glaubte er sich oft genötigt zu sehen, allerdings zu einem Schweigen gerade wegen des gewissermaßen öffentlichen Auftrags, zu dem ihn seine wissenschaftlichen Ämter verpflichteten. Ebenso oft freilich führte ihn dieser öffentliche Auftrag, dem er sich nicht entziehen zu können meinte, auch zu gut überlegten und nach seiner Ansicht verantwortbaren Schritten aus dem Schweigen heraus, zum unüberhörbaren Widerspruch, mit dem er vollends die Rolle des "Unpolitischen" aufgab.
Das konnte z.B. - in seiner Funktion als Sekretär der Preußischen Akademie - bei offiziellen Reden zu bestimmten Anlässen (Leibniz-Tage 1935 und 1937, Gedenkrede auf Friedrich d. Gr. 1937) geschehen, aber auch bei wichtigen Berufungsverhandlungen, bei denen er seinen Einfluss spielen ließ, wenn es darum ging, den Erfolg unqualifizierter, aber vom Regime geförderter Bewerber zu vereiteln. Von drei Ereignissen, bei denen der durchaus nicht mehr "unpolitische" Planck politischen Widerspruch - so wie er ihn verstand - anmeldete, soll etwas ausführlicher gesprochen werden.
Der Austritt Einsteins aus der Preußischen Akademie
Die Berufung Albert Einsteins nach Berlin war auf Betreiben Max Plancks erfolgt. Am 1.4.1914 trat Einstein sein neues Amt als ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie und Direktor des neugeschaffenen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik an. Einstein und Planck waren denkbar gegensätzliche Naturen, ihre politischen Ansichten trennte "eine tiefe Kluft" (Planck). Einsteins Kosmopolitismus, Pazifismus und süddeutsch-schweizerisch geprägtem Demokratie-Verständnis standen Plancks Patriotismus,, preußische Staatstreue und Geringschätzung dessen, was er als "Tagespolitik" ansah, gegenüber.
Ungeachtet dieses Gegensatzes verband beide in den folgenden Jahren eine vertrauensvolle Zusammenarbeit - dank der Autorität Plancks konnte sich Einsteins Spezielle Relativitätstheorie rasch durchsetzen - und enge persönliche Freundschaft. Als Hitler an die Macht kam, war Einstein auf einer Vortragsreise in den USA; am 10.3.1933 erklärte er in einem Interview, nicht mehr nach Deutschland zurückkehren zu wollen, solange es dort an "politischer Freiheit, Toleranz und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz" fehle. Daraufhin verlangte das Preußische Kultusministerium am 29.3. von der Akademie die Einleitung eines Disziplinarverfahrens mit dem Ziel der Entlassung Einsteins.
Aber schon einen Tag zuvor hatte Einstein während der Schiffsreise nach Europa seinen Rücktritt erklärt, vielleicht, um seinen Freunden in der Akademie zu ersparen, "sich mit seiner offiziellen Entlassung abmühen zu müssen" (Beyerchen). Die NS-Führung wollte aber mehr, nämlich eine öffentliche Stellungnahme der Akademie. Sie erfolgte am 1.4.1933, rügte das "agitatorische Auftreten Einsteins" und schloss mit dem Satz, die Akademie habe keinen Anlas, den Austritt Einsteins zu bedauern. Verfasser dieser schmählichen Erklärung war der Jurist Heymann. Die drei anderen Sekretäre waren abwesend, Planck auf Urlaub in Sizilien. Einstein wusste, dass er ihn für das Geschehene nicht verantwortlich machen konnte: "Ich freue mich darüber, dass Sie mir in aller Freundschaft entgegengekommen sind und dass auch die stärksten äußeren Belastungen es nicht vermocht haben, unsere gegenseitigen Beziehungen zu trüben." (7.4.).
In der ersten Plenarsitzung der Akademie, die seiner Rückkehr nach Berlin folgte (11.5.). brachte Planck Einsteins Demission zur Sprache. Kurz vorher hatte der Physiker Paul Ehrenfest im Gespräch mit Planck beobachtet, "wie furchtbar dieser Mann litt mit all den Widersprüchen in seinem Gewissen". Die von Planck vor der Akademie zu Protokoll gegebene Erklärung drückt den Konflikt, in dem er damals stand, genau aus. Er erklärte zwar, dass die Mitglieder der Akademie als der "vornehmsten wissenschaftlichen Behörde des Staates" eine besondere Treuepflicht gegenüber diesem Staat hätten und Einstein durch eine Reihe von Äußerungen "sein Verbleiben in der Akademie unmöglich gemacht" habe, fuhr dann aber - mit einer in der damaligen Situation mutigen Laudatio für Einstein - fort, "im Sinne", wie er vorausschickte, "auch der überwältigenden Mehrheit aller deutschen Physiker": "Herr Einstein ist nicht nur einer unter vielen hervorragenden Physikern, sondern Herr Einstein ist der Physiker, durch dessen in unserer Akademie veröffentlichte Arbeiten die physikalische Erkenntnis eine Vertiefung erfahren hat, deren Bedeutung nur an den Leistungen Johannes Keplers und Isaac Newtons gemessen werden kann ..."
Kein Wunder, dass Johannes Stark, führender Vertreter der Arischen Physik, bald darauf wütend die Ausschaltung Plancks aus der Akademie forderte: ,Wenn Planck (und v. Laue) bei Einfluss bleiben, wirkt das schlimmer, als ob Einstein noch selber da wäre."
Aber Planck vermochte sich bis Ende 1938 zu behaupten, und während seiner Amtszeit behielt die Akademie eine "nuancierte, gleichwohl bedingte Unabhängigkeit" (Heilbronn), mit der es erst 1939 zu Ende war, als sie im Sinne des sog. Führerprinzips "gleichgeschaltet", nämlich einem allein entscheidungsberechtigten Präsidenten unterstellt wurde. Seines Einsatzes für Einstein wegen zählte Planck neben v. Laue und Heisenberg zu den in der NS-Presse als "weißen Juden" beschimpften Wissenschaftlern, und noch 1943 wurde ihm, in der Endphase der NS-Herrschaft, auf Einspruch des Göbbels-Ministeriums der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt verwehrt, "weil er sich bis in die letzte Zeit hinein für den Juden Albert Einstein eingesetzt hat." Nach Plancks Tod sprach Einstein in seinem Kondolenzbrief von "diesem wunderbaren Manne Planck": ,Wie anders und besser stände es um die Menschenwelt, wenn mehr von Plancks Eigenart unter den Führenden sein würden."
Ein Verfemter: Fritz Haber
Der Chemiker Fritz Haber, weltberühmter Forscher, Nobelpreisträger von 1918, seit 1911 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrotechnik, gab in einem Protestbrief an das Wissenschaftsministerium am 30.4.1933 seinen Rücktritt bekannt. Haber war jüdischer Abstammung, als Kriegsteilnehmer zu dieser Zeit zwar noch nicht unmittelbar bedroht, als Leiter eines Instituts aber, dessen Personal durch die Entlassungspolitik der NS-Regierung geradezu dezimiert worden war, aufs ärgste herausgefordert und gekränkt.
Der Amtsverzicht und vor allem die sich anschließende Emigration fielen Haber überaus schwer. Seine politische Einstellung war immer von einem starken Patriotismus, ja Nationalismus getragen worden; wissenschaftliche Forschung hatte er als Dienst am Vaterland angesehen. Ohne seine bahnbrechende Erfindung der Ammoniaksynthese, meinte Planck, wäre der Krieg 1914-1918 schon von Anfang an für Deutschland verloren gewesen; im Ausland galt Haber, von den Alliierten als "Erfinder" des Gaskriegs zeitweilig auf eine Kriegsverbrecherliste gesetzt, noch lange nach 1918 als verfemt. Planck versuchte 1933, Haber in Deutschland zu halten ("Durchhalten und Weiterarbeiten").
Bei Gelegenheit eines Besuches, den er als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Hitler abzustatten hatte, intervenierte er zugunsten Habers. Das Ergebnis dieser Intervention muss ihn tief bestürzt haben. Hitler sei, so berichtet er, auf seine Warnung, der erzwungene Exodus der jüdischen Wissenschaftler werde Deutschland zu großem Schaden gereichen, gar nicht eingegangen und habe sich in eine solche Wut hineingesteigert, dass "mir nichts übrig blieb, als zu verstummen und mich zu verabschieden." Hitler soll die Unterredung mit dem - allerdings nicht von Planck selbst überlieferten - Satz beendet haben: ,Wenn die Entlassung jüdischer Wissenschaftler die Vernichtung der zeitgenössischen deutschen Wissenschaft bedeutet, dann werden wir einige Jahre lang ohne Wissenschaft auskommen."
Planck hat die Begegnung mit Hitler von allen Illusionen, die er sich bis dahin wohl noch gemacht hatte, befreit. 1934 meinte er zu Heisenberg: "Ich habe keine Hoffnung mehr, dass sich die Katastrophe für Deutschland und damit auch für die deutschen Universitäten aufhalten lässt." Haber starb 1934 in der Emigration. Ein Jahr später veranstaltete die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auf Veranlassung Plancks und v. Laues eine Gedächtnisfeier für ihn. Kaum war die Öffentlichkeit über die Vorbereitungen informiert, reagierte das Wissenschaftsministerium mit Teilnahme- und Redeverboten.
Lise Meitner erfuhr von Planck: "Diese Feier werde ich machen, außer man holt mich mit der Polizei heraus." Die Ehrung für Haber fand ungeachtet der von Regierung und Partei verhängten Repressalien statt, "in voll besetztem Saal und in voller Würde" (29.1.1935). Planck schloss seine Ansprache mit einem Bekenntnis zu dem jüdischen Gelehrten: "Haber hat uns die Treue gehalten, wir werden ihm die Treue halten."
Otto Hahn wertete die Haber-Feier als Ausdruck "eines, wenn auch kleinen, Widerstandes." Vom "letzten Widerstand", den die deutsche Wissenschaft leiste, indem sie die Integrität der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verteidige, sprach auch die New York Times Anfang 1936 in ihrem Bericht über das Fest zum 25jährigen Bestehen der Gesellschaft: "Max Planck ging zu seiner unvergänglichen Ehre, so weit wie es der gesunde Menschenverstand erlaubte, in der Verteidigung der alten wissenschaftspolitischen Grundsätze und wiederholte seine Überzeugung, dass Persönlichkeit und Sachverstand in der wissenschaftlichen Forschung mehr zählen als Rasse oder Diktatur." Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wahrte jedenfalls - ähnlich wie die Akademie - dank der zähen Resistenz Plancks einen Rest ihrer Unabhängigkeit, den sie sich auch nach dem Ende der Präsidentschaft Plancks (1937) unter den Präsidenten Bosch und Vogler erhalten konnte.
Die Verleihung der Max-Planck-Medaille an Louis de Broglie
Bei der Feier von Plancks 80. Geburtstag, veranstaltet am 23.4.1938, sollte die 1929 von der Physikalischen Gesellschaft gestiftete goldene Max-Planck-Medaille zum achten Male verliehen werden. Zur Wahl standen der Italiener Enrico Fermi und der Franzose Louis de Broglie, beide gleich würdige Kandidaten. Planck betrieb allerdings mit großem Nachdruck und erfolgreich die Ehrung de Broglies, und zwar, wie es den starken Anschein hat, aus politischen Gründen. Ersah sich nämlich in die Lage versetzt, bei seiner Festrede den Bürger eines nichtfaschistischen Landes anzusprechen, der zudem als theoretischer Physiker den Anhängern der NS-Ideologie unter den Physikern für suspekt gelten musste.
Die Festrede vor der - übrigens bis 1945 nicht "gleichgeschalteten" - Physikalischen Gesellschaft hatte ihren Höhepunkt in einem eindringlichen Appell Plancks für den Frieden und für ein französisch-deutsches Zusammengehen, "ehe es für Europa zu spät wird". Vor dem Hintergrund der just zu diesem Zeitpunkt von der deutschen Regierung ins Werk gesetzten Sudetenkrise waren Plancks Sätze tapfer und prophetisch zugleich. Zusätzliche Wirkung gewannen sie dadurch, dass sie vor dem französischen Botschafter Frangois-Poncet ausgesprochen wurden, der für den erkrankten de Broglie die Medaille entgegennahm und in dem Planck einen weitaus besseren Ersatzmann als in irgendeinem französischen Wissenschaftler sehen musste, weil der politische Charakter seiner Ansprache sich dadurch verstärkte.
An der Ehrung de Broglies zeige sich, merkt Plancks Biograph Heilbronn an,
inwieweit Planck "die Wissenschaft mit der Politik vermischte" und
mit welchen Mitteln er dies tat: vorsichtig, aber genau platzierten Bekundungen
des Widerspruchs, die für jeden Einsichtigen verständlich sein mussten.
Auch nach seinem Rücktritt von den Ämtern in Akademie (unter Protest) und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft blieb Max Planck eine Person des öffentlichen Lebens. Vielerorts hielt er bis weit in die Kriegszeit hinein seine berühmt gewordenen Vorträge über "Das Wesen der Willensfreiheit", über "Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft" u.a. Besonders Plancks Rede über "Religion und Naturwissenschaft" gelangte, in mehreren Auflagen auch durch den Druck verbreitet, zu großer, von Gestapo und Propagandaministerium mit Argwohn betrachteter Popularität, gewiss deshalb, weil das, was Planck sagte, in "eklatantem Widerspruch zur Weltanschauung des Regimes" stand (A. Hermann).
Wie viel Max Planck durch seinen Sohn Erwin von den Umsturzplänen wusste, die zum Attentat des 20.7.1944 führten, entzieht sich unserer Kenntnis. Sehr wahrscheinlich aber war er bis zu einem gewissen Grad informiert, standen sich Max und Erwin Planck doch außergewöhnlich nahe. Sie sprachen fast täglich vertraulich miteinander und setzten diese Gespräche auch nach dem Weggang des alten Planck von Berlin (1943) fort, wann immer sich bei vielen gegenseitigen Besuchen Gelegenheit dazu bot.
In der sogenannten Mittwochs-Gesellschaft für wissenschaftliche Unterhaltung, einem Gesprächszirkel, dem mehrere Verschwörer angehörten und dem die beiden Planck als häufige Gäste nahestanden, hat Max Planck vielleicht auch von anderer Seite Andeutungen über den sich gegen Hitler formierenden Widerstand gehört. Erwin Planck, früher einmal Staatssekretär im Reichskanzleramt und Mitarbeiter der Kanzler Brüning und Schleicher, zählte zu dem Kreis konservativer Widerständler um Johannes Popitz. Der Physiker Manfred v. Ardenne meint in seinen Lebenserinnerungen, dass Hitler mit Erwin Plancks Hinrichtung an Max Planck Rache genommen habe für dessen mutigen Einsatz zugunsten seiner jüdischen Kollegen. Erweisen lässt sich das nicht, fest steht nur, dass ein von Max Planck an Hitler gerichtetes Gnadengesuch ohne jede Antwort blieb.
Max Planck ist kein Mann des politischen Widerstands gewesen. Niemand hätte dies auch von ihm angesichts seines Alters erwartet. Wohl aber hat er, der ehemals "Unpolitische", in der Zeit der Hitler-Herrschaft das freie Wort nicht gescheut und die Kraft zum Widerspruch gefunden. Er hat die Integrität seiner großen Persönlichkeit in schlimmer Zeit gewahrt.
Gehaltvolle, wenn auch knappe Informationen über Max Plancks Leben liefert die Darstellung von Armin Hermann: Max Planck (mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten) (rowohlts monographien Nr. 198, zuerst 1973 erschienen). Eine große wissenschaftliche Biographie (mit einer Auswahl der allgemeinverständlichen Schriften Plancks) hat John L. Heilbronn geschrieben: Max Planck, ein Leben für die Wissenschaft 1858 - 1947. A.d.Amerik., Stuttgart 1988. Als Pionierstudie über die Situation der Naturwissenschaftler in der Hitlerzeit gilt das Buch von Alan D. Beyerchen: Wissenschaftler unter Hitler, Physiker im Dritten Reich. A.d.Amerik., Köln 1980. Die vorstehenden Ausführungen über "Max Planck im Dritten Reich" stützen sich besonders auf diese drei Publikationen.
Wilhelm Kurthen
